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Lufthansa Oktoberfest 2010

Die Microsite Lufthansa Oktoberfest 2010 tritt als “Spiel” auf, die vieles richtig, insbesondere die Facebook-Integration ist für ein hiesiges Produkt sehr avanciert. Vergeigt werden leider einige Details im Game Design und der User Experience. Das verdirbt ein wenig den guten Ersteindruck, denn auch für Social Media gilt: In relationships, the little things are the big things.

Social Game – Bierzelt

Einsamer Wiesn-Avatar

Einsamer Wiesn-Avatar, soviel Platz gibts in München nicht

Auf jedem Oktoberfest steht natürlich das Bierzelt im Zentrum. Dort sitzt mein Avatar mit Facebook-Profilfoto auf den Schultern. Ich kann mir andere Tische ansehen, deren Besetzung dynamisch nachgeladen wird. An diesen starren mich auch jene Profilfotos an, deren Körper mit dem Rücken zur Kamera sitzen. Surreal! Das Interface bietet mir an, einen eigenen Tisch anzulegen und Freunde einzuladen. Wozu, wird mir nicht hier, sondern nur unter dem Hauptmenüpunkt “Spielregeln” erklärt: Wer erfolgreich sechs Facebook-Freunde an seinen Biertisch bringt, gewinnt einen 20 Euro-Gutschein.

Die Nachricht, die Eingeladene erhalten, sind nicht sehr clickworthy ausgearbeitet. Dem Empfänger wird erklärt, man könne auf dem Lufthansa Oktoberfest “virtuelle Oktoberfesttische eröffnen” und “tolle Fahrgeschäfte ausprobieren”. Was sind Fahrgeschäfte? Was liefert mir denn ein virtueller Oktoberfesttisch? Man kann Clicks über Neugier generieren, das geht aber besser.

Es wäre z.B. besser, wenn ich meinen Freunden gleich eine virtuelle  Runde Maß ausgeben würde. Das wäre nicht nur instrumentell (Gutschein abstauben) shareworthy: Ich kann mich auf Facebook als Wohltäter ausgeben kann und auch ein wenig als solcher fühlen. Entsprechend formulierte Messages (Username lädt dich auf eine Maß  ins Lufthansa Oktoberfest ein! usw.) wären zudem clickworthy im Social Stream (Neugier und Reziprozität).

Was liefert mir nun der Biertisch? Ich kann mich mit meinen Facebook-Freunden auf dem Lufthansa-Oktoberfest über einen Kommentare-Thread unterhalten. Mehrwert = 0. Die vollen Möglichkeiten von Facebook-Threads liefert mir das Kommentarfeld des Lufthansa Oktoberfest natürlich nicht.

Aber es gibt ja noch einen Button “Foto auf Facebook speichern”. Ungeachtet der Frage, ob es überhaupt shareworthy ist, einen Screenshot von surrealen Avataren auf Facebook zu teilen (nämlich eher nicht), probiere ich das mal aus. Es öffnet sich ein Pop-Up mit dem Like-Button für die Lufthansa-Repräsentanz auf Facebook. Ich kann liken oder das Pop-Up schliessen, mehr nicht. Meiner Erwartung, einen Screenshot o.ä. auf Facebook posten zu können, wird nicht entsprochen, die Aktion geht völlig ins Leere.

Aus dem Thema “Geselligkeit” (engl. social) hätte man in Verbindung mit dem Oktoberfest mehr rausholen können, die viralen Mechaniken sind nicht optimal ausgearbeitet. Wieso kann man sich nicht zu den vielen einsamen Avataren an den Tisch setzen?

Der Ansatz ist nicht verkehrt, die Ausführung technisch gut, geht aber leider nur die halbe Strecke. Die Grundidee der Spielform ist geeignet, als einziges Anreizsystem auf das Abstauben von Gutscheinen zu setzen ist leider etwas fantasielos.

Flash Game Toboggan

Passend zum Oktoberfest: Userbeschimpfung

Der zweite Bereich ist das Flashgame Toboggan. Nach dem Klick auf Play startet das Spiel fast unmittelbar. Es gibt keine Erklärung, worum es überhaupt geht. “Toboggan” ist für mich ein Kunstwort. Der User erhält lediglich eine Einblendung “Ihr Geschick ist gefragt”, die nichtssagend ist. Noch im Versuch zu begreifen, was von mir verlangt wird, sehe ich meine Figur nach hinten kippen und eines ihrer “drei Leben” verlieren. “Ein absoluter Reinfall!”, kommentiert das Spiel. Na vielen Dank!

Und schon geht´s weiter: Jetzt fallen mir die zwei On-Screen-Hilfestellungen auf. Ein großer Pfeil signalisiert mir nochmal in welche Richtung meine Figur kippt, wohl so etwas wie ein Kraftpfeil der Gravitationswirkung. Rechts Symbole für die vier Keyboard-Pfeiltasten, von denen derjenige in der entgegengesetzten Richtung des Krapftpfeils blinkt. Meine Figur nähert sich schon wieder bedenklich der Horizontalen. Ich drücke die Pfeiltaste. Keine Reaktion. Nochmal. Tut sich da was? Bevor ich das ermitteln kann, ist das nächste Leben weg.

Erstmal ein Klick auf “Spielanleitung” im Headermenü, der gibt mir etwas Text aus. Der bezieht sich aber auf die gesamte Oktobfest-Experience und sagt zu Toboggan eigentlich nix. Inkonsistent zum Inhalt des 1. Menüpunkts “Spiele”, der sich nur auf Toboggan und ein noch nicht zugängliches “Teufelsrad” bezieht. Immerhin wird verraten: Erreicht man über 100 Punkte, nimmt man einer Verlosung teil. Damit wäre zumindest der Anreiz klar. Also zurück ins Spiel.

Dort entdecke ich nun inmitten des gelben Geländers ein gelbes Fragezeichen, das ein Pop-Up mit Text aufruft: “So funktioniert das Spiel:”  Hurra! Jetzt weiß ich, wie ich die Tasten zu drücken habe. Spaß macht das allerdings nicht. Die Reaktion ist viel zu verzögert, die Physik der aus dem Gleichgewicht kommenden Figur fühlt sich nicht richtig an.

Trotzdem klappt´s dann irgendwann, meine Figur aufrecht zu halten. Unvorhergesehen gibt es einen Fade-Out, mir wird eine Punktzahl genannt und es geht wieder von vorne los. Ist im neuen “Level” irgendwas anders? Feststellen kann ich nichts. Weiter mache ich also höchstens, um über einen Highscoreplatz an der Verlosung teilnehmen zu dürfen.

Das Game ist also als Game betrachtet lieblos umgesetzt. Der Begriff “Toboggan” ist vielleicht Oktoberfestgängern bekannt, aber das dürfte nur ein Teil der Zielgruppe sein. Die Microsite richtet sich schließlich an ein internationales Publikum und ist für mehrere Sprachen lokalisiert. Alle anderen haben nicht das mentale Modell dieser fahrenden Rampe im Kopf und erstmal keinen Schimmer, wie das Interface funktionieren könnte.

Spiele sind Lernsysteme, deren Lernkurve man ausarbeiten muss. Tobogan ist zu Beginn viel zu schwer, nach dem 1. Level viel zu einfach und nicht mehr herausfordernd. Aufgrund der nicht vorhandenen Lernkurve und des hohen Schwierigkeitsgrads, ist ein anfängliches Scheitern vorprogrammiert. Dass ich dafür nach knapp 10 Sekunden beschimpft werde, passt zu meiner Vorstellungen von Oktoberfestumgangsformen, ein “positives Markenerlebnis” ist das jedoch nicht. Die erreicht man eher über Ermutigung oder Tipps für erfolgreicheres Gameplay.

Gewinne, Gewinne, Gewinne

Wer nix weiß, vergibt nen Preis. Nicht, dass im Direktmarketing der mäßige Rücklauf auf Preisausschreiben keinen Erfahrungswert darstellen würde, jetzt schaltet man als Vorbedingung an einer Verlosung teilnehmen zu dürfen auch noch Aufgaben, die nicht mehr Spaß machen als wie Anno Dazumal eine Postkarte auszufüllen.

Schade, dass strikt behavioristisch darauf gesetzt wird, User mit externen Belohungen motivieren zu wollen. Gut, zielt man auf Kundenansprache im Billigfliegersegment, mögen materielle Anreize genügen. “Preisbewusste” Verbraucher empfehlen das Bierzelt-Spiel sicher gleich weiter: “Lad mal n paar Leute ein, kriegste 20 Euro”.

Wie gesagt: Das Lufthansa Oktoberfest macht vieles richtig. Die Techies reizen die APIs aus, die Designer machen alles hübsch, die Konzeption bringt beides zusammen und das Cross-Marketing sorgt für eine Besucherbasis zum Kickoff. Die tatsächliche Experience hinterlässt beim User aber einen eher faden Eindruck und ist in den gamebezogenen Details zu lieblos gestaltet als dass man hier einen richtigen Hit landen könnte. Wenn das Lufthansa Oktoberfest 2010 tatsächlich”einer der besten Facebook-Cases dieses Jahr” bleibt, dann verdeutlicht das nur, dass hinsichtlich spielerischer Experiences in den nächsten Jahren noch mehr geht.

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